Spucktuch statt Stiletto

Spätestens als ich mir schwungvoll das Spucktuch statt meines Schals um den Hals schlang bevor ich das Haus verließ, war klar: Ich bin jetzt endgültig im Club der Mamis angekommen. Wieso sehen Sie mich so musternd an? Ach, ich habe das Spucktuch meines Babies um den Hals gewickelt? Und gelbliche Flecken auf meinem T-Shirt? Das trägt man jetzt so – ist sozusagen en vogue. Noch nicht gelesen in der neuesten Ausgabe der “InStyle”??

Neulich habe ich mich dabei ertappt, wie ich dem Kleinen mit meinem spuckebenetzten Daumen einen angetrockneten Klumpen Brei aus dem Gesicht wischen wollte. Oder wie ich zögernd die Möhrchen-Pampe probiert habe, die Sohnemann mit verschmiertem Gesicht lauthals verweigert hat.  Sachen, bei denen ich mir geschworen habe: “Das machst Du als Mutter nie!”. Angekaute Brezeln werde ich aber nicht essen. Nein, nein und nochmals nein!!

Kürzlich beim Urlaubs-Shopping in Italien habe ich nicht mehr heiße italienische Stilettos, sondern flache Tretter anprobiert – und letztendlich auch gekauft. Seit meiner Schwangerschaft renne ich nun schon mindestens 7 cm kleiner durch die Welt. Hätte man mich vor eineinhalb Jahren gefragt, hätte ich das mit einem gedehnten “geeeeht gaaaaaaar nicht” kommentiert. Damals waren flache Schuhe für mich der Zerfall der Weiblichkeit (außer beim Sport natürlich). Und nun? Muss alles schnell gehen und praktisch sein. Lange Fußmärsche mit Kinderwagen in Stilettos sind nun mal schwierig zu bewältigen – zugegebener Maßen waren sie das auch ohne Kinderwagen schon.

Als ich mir in der Schwangerschaft meine ersten Schwangerschaftsjeans gekauft habe und diese beim Schneider kürzen lies, habe ich die mit meinen (normalen) hohen Alltagsschuhen anprobiert. Die Schneiderin meinte mit einem süffisanten Lächeln auf den Lippen: “Na, die Jeans mach’ ich aber mal besser noch ein paar Zentimeter kürzer. Wenn Sie dann später flache Schuhe tragen werden, dann ist die sonst zu lang.” Wie bitte? Was für flache Schuhe? Das Wort “flach” in Zusammenhang mit “Schuh” kam in meinem Wortschatz gar nicht vor. Auch nicht in meinem Schuhschrank. Ich bin 1,65 m groß – wo denken Sie hin??

Im Nachhinein bin ich dieser Frau unendlich dankbar. War sie doch bereits Mutter und wusste genau, was Sache ist. Spätestens im sechsten Monat konnte ich nämlich in hohen Hacken nicht mehr richtig gehen. Nun ja, sagen wir, es hatte den Charme eines Nilpferds auf Stelzen. Schwierig die Balance zu halten, also habe ich schweren Herzens umgesattelt auf flaches Schuhwerk. Man gewöhnt sich an alles. Außer an angekaute und angesabberte Brezeln natürlich. Hoffe ich zumindest.

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