Mein kleines Michellinmännchen

“Wenn Sie so weitermachen, verhungert Ihr Kind!” Diesen grässlichen Satz musste ich mir von einer genervten Nacht-Hebamme in der Klinik in den ersten Tagen nach der Geburt anhören. Ich wurde in der Klinik alle 3 Stunden zum Milch abpumpen verdonnert. Mein kleiner Sohn hatte Gelbsucht und schlief beim Trinken an der Brust immer wieder ein. Ausserdem musste er 12 Stunden wegen der Gelbsucht unter einer Wärmelampe liegen, damit sein Billirubinwert wieder sinkt. Währenddessen pumpte ich die Milch für ihn ab. Er bekam sie dann in einem Fläschchen. Am Anfang brachte ich grade mal 20 g zusammen. Und das auch nur unter Schmerzen.
Diese Abpump-Maschine in der Klinik war ohnehin ein Albtraum. Ich sollte abpumpen, um den Milchfluß in Gang zu bringen. Eines Nachts um halb Drei – alles war total hektisch auf der Babystation – setzte mich eine Hebamme einfach ins “Stillzimmer”, drückte mir diese Trichtervorrichtung in die Hand, sagte “7 Minuten rechts, 7 Minuten links, 5 Minuten rechts, 5 Minuten links, 3 Minuten rechts, 3 Minuten links – und dann kommen Sie wieder”. Dass sie das Gerät versehentlich auf die höchste Stufe eingestellt hatte, war ihr leider nicht aufgefallen. Also saß ich da und hielt die Luft an vor Schmerzen. Hölle. Das Saugen war ein Gefühl, als würde mir jemand Metallklipse an die Nippel stecken und dran ziehen und wieder absetzen und wieder dran ziehen. Gefühlt waren die Dinger plötzlich 5 cm lang. Für SM begeisterte Menschen mag dies ein verlockender Gedanke sein. Für Normalos wie mich war das einfach nur aua. Nach einigen Minuten – ich saß da mit schmerzverzerrtem Gesicht – gesellten sich noch zwei andere Mädels zu mir. Da saßen wir nun – auch sie mit schmerzverzerrtem Gesicht (einer davon liefen still die Tränen die Wange herunter) und man hörte nur die Pumpgeräusche der Maschinen. Darth Vader für Arme. Fehlte nur, das jemand mit tiefer Stimme in dieses Szenario raunte: “Ich biiin DEERRR Vaterrrr!”
Tat aber keiner. Die Väter waren alle zuhause und schliefen in Ihren Betten. Wir Mädels waren uns währenddessen einig, dass diese Abpumperei eine Foltermethode war und ausserdem hatte es einen leisen Hauch von Kuhstall-Atmoshpäre. Irgendwann kam eine Zwillings-Mutti mit zwei Flaschen herein, legte sie rechts und links an und pumpte sie innerhalb von 5 Minuten beide(!) bis Anschlag voll. Wir anderen blickten bewundernd zu ihr auf und versuchten weiter Tropfen für Tropfen für unsere Kleinen zusammenzubringen. Als ich fast fertig war wurde mir dann auch von einer anderen Hebamme im Vorbeigehen gesagt, dass mein Gerät falsch eingestellt sei. Sie stellte es herunter und es war etwas erträglicher. Toll war es aber immer noch nicht.
Nachdem ich meine 20 g an diesem Tag auf dem Wärmekasten bei meinem Sohn abgestellt hatte und danach zur Toilette wankte fühle mich als der größte Loser der Welt. Toll. Was war ich für eine Mutter? Brachte nicht mal Milch für ihr Kleines zusammen. Wie deprimierend. Nacht für Nacht und auch tagsüber traf ich mich nun alle 3 Stunden mit der “Abpump-Crew” und wir waren uns alle einig, dass dies ein Elend ist. Nach und nach kam dann allerdings doch mehr Milch bei mir. Die Foltermethode zeigte Wirkung. Die Milchproduktion stieg. Es ging immer schneller, dass ich dann doch bald 50 g zusammen hatte. Ich war stolz auf mich.
Bei einem Teil der anderen Mädels klappte es immer noch nicht ganz so gut und sie waren sehr deprimiert deswegen. Die Nippel waren mehr als entzündet und die Brust musste hinterher immer mit Kühl-Akkus gekühlt werden. Auch die Rumhantiererei mit den Stilleinlagen war erstmal gewöhnungsbedürftig. Ich fragte mich, wie das weitergehen sollte.
Ich hatte mich darauf eingestellt, dass ich nach meiner Entlassung aus der Klinik weiter abpumpen muss. Das Gerät dafür hatte mein Freund bereits aus der Apotheke geliehen. Wie ein Wunder jedoch, trank mein kleiner Sohn selbständig immer mehr direkt von der Brust und auch die entspannte Atmosphäre zuhause (im Gegensatz zur Klinik) tat ihr übriges dazu. Am Anfang musste ich für die eine Seite noch ein Stillhütchen benutzen – irgendwie tat sich Aron da schwer beim Saugen – aber auch das konnte ich nach drei Wochen absetzen. Meine Hebamme half mir, indem sie mir ruhig vermittelte, dass ich einfach ein wenig Vertrauen in mich und meinen Körper haben muss und das die Nachfrage das Angebot schon regeln wird. Das alles klappen wird. Genauso kam es dann auch. Ich legte Aron immer an, wenn er Hunger hatte und lies ihn trinken, soviel er wollte. Die visuelle Vorstellung von “fließenden weißen Vanille-Milchbächen” half mir dabei. So bescheuert das auch klingt.
Inzwischen wiegt mein Sohn das Doppelte seines Geburtsgewichts und hat süße Speckröllchen am ganzen Körper. Ein richtiges kleines Michellinmännchen mit Beinchen zum Reinbeißen. Mein Rat an alle Mamis: Lasst Euch nicht verunsichern! Von niemandem. Von keiner Hebamme, keiner (Schwieger-)Mutter und auch nicht von einem Arzt. Habt Vertrauen in Euren Körper. Setzt Euch nicht selbst unter Druck und lasst es wenn möglich auch nicht von Außen zu (ok, das ist oftmals leichter gesagt als getan). Sucht Euch eine gute Ansprechparnerin (Hebamme, Stillberaterin). Und wenn es gar nicht klappt mit dem Stillen? Dann ist das auch kein Beinbruch. Klar hat es seine Vorteile, aber wenn es nicht geht, dann geht es halt nicht. Dann muss eben das Fläschen her. Auch das macht süße Knutsche-Röllchen.
Adressen von Ansprechpartnern im Raum München (und Bundesweit):
www.hebammenliste-muenchen.de
Kostenlose Stillberatung durch Hebammen
Beratungsstelle für natürliche Geburt
La Leche Liga Deutschland e.V.
Email-Beratung sowie Adressen ehrenamtlich tätiger Stillberaterinnen aus der Umgebung.
www.stillen.de
Adressen von IBCLC-Stillberaterinnen in der Region, die gegen Honorar Hausbesuche machen und ausführlich beraten
Es gibt auch sogenannte Stilltreffs für Eltern um Erfahrungen auszutauschen. Dort ist eine professionelle Stillberaterin für Fragen anwesend.
Hotlines:
Die La Leche Liga Deutschland e.V. hat unter 0571 – 404 94 81 einen Ansagedienst eingerichtet, der für jedes Bundesland eine Kontaktperson nennt.
Die Arbeitsgemeinschaft freier Stillgruppen stellt eine Hotline von ehrenamtlichen AFS-Stillberaterinnen, die täglich unter 01805 – 784 55 36 für 0,14 Euro pro Minute aus dem deutschen Festnetz (abweichende Mobilfunktarife möglich) erreichbar ist.
Zur Still-Bildergalerie der La Leche Liga e.V. (hier finde ich die Bilder allerdings teilweise echt grenzwertig).







